|
|
»» Wissenswertes© Dr. Jörg Vierke Wissenswertes aus der Welt der FischeVielleicht wissen Sie einiges schon – aber ich wette: Jeder wird noch was Neues finden!
Fische - Wachstum ohne Grenzen
Abb. links: Schlangenkopffisch (Channa bleheri) mit einem seiner Jungen Wie bekannt, spielen beim Wachstum Temperatur und Ernährung eine wichtige Rolle. In erster Linie ist die Schnelligkeit des Wachstums wie auch die Lebensdauer jedoch genetisch bedingt. Daher müssen sehr große Fische auch langlebig sein! Und die sehr kurzlebigen Fische sind in aller Regel auffallend klein. Wer also Größenangaben zu Fischen sieht (z. B. hier in der Rubrik "Fisch des Monats"), sollte wissen: Es handelt sich immer um Näherungswerte. In vielen Fällen sterben die Fische (aus welchen Gründen auch immer), bevor sie die angegebene Größe erreicht haben, in sehr seltenen Fällen können sie aber auch noch größer werden! Chaos bei der Benennung der Fadenfische
In den Publikationen der letzten Jahre ist im Hinblick auf die wissenschaftlichen Namen der Fadenfische blankes Chaos ausgebrochen. Die seit den dreißiger Jahren fest in Wissenschaft und Aquaristik etablierten Gattungs-Namen Colisa sollen durch Trichogaster und Trichogaster soll durch Trichopodus ersetzt werden. So kommt es, dass der Gestreifte Fadenfisch Colisa fasciata heutzutage ernsthaft als Trichogaster fasciatus oder gar als Polyacanthus fasciatus bezeichnet wird. Begründung: Nach dem Prioritätsgesetz habe der ältere Name Vorrang vor unbeabsichtigten Zweitbeschreibungen. Bild rechts: Colisa fasciata oder Trichogaster fasciatus? Im Prinzip eine praktikable und richtige Sache! Das Problem: Immer wieder werden verstaubte, längst vergessene Namen ausgegraben, die seit vielen Jahrzehnten bekannte Namen ablösen sollen. Warum ich mich dagegen so entschieden wehre? Es geht hier nicht nur ums Umlernen - das könnte man ja! Schwerwiegender ist es aber, dass seit fast einem Jahrhundert alle Arbeiten in der wissenschaftlichen Literatur, aber auch in der Liebhaber-Literatur unter Namen erschienen sind, die plötzlich ungültig werden sollen. Das zukünftige Arbeiten mit diesen Tieren wird unnötig erschwert. Erfreulicherweise wurde das Prioritätsgesetz der Internationalen Nomenklatur in seiner strikten Form bereits 1973 geändert. Die Abschnitte a und b des 23. Artikels wurden gestrichen und durch folgenden Text ersetzt (Zitat): "Das Prioritätsgesetz ist anzuwenden, um die Stabilität zu fördern; es ist nicht dazu bestimmt, angewandt zu werden, um einen seit längerer Zeit gebräuchlichen Namen, der dessen älteres Synonym ist, umzustoßen." Bleiben wir im Geiste der Nomenklaturregeln beim gewohnten und seit sehr vielen Jahren benutzten Gattungsnamen "Colisa"! Es ist absolut unsinnig, einen seit fast 90 Jahren vergessenen Namen (Trichopodus) zu reaktivieren. Wer aus falsch verstandenem Ehrgeiz oder aus vorauseilendem Gehorsam die ungültigen Namen verwendet, schadet der Wissenschaft und der Aquaristik! Ich denke, die Nomenklatur-Kommission wird das entsprechend sehen. Vielleicht habe ich etwas Wichtiges übersehen, vielleicht hat jemand eine andere Meinung. In meinem Gästebuch ist ausreichend Platz auch für das Diskutieren dieser Angelegenheit. Also bitte ... Heiko Bleher, verantwortlich für aqua - International Journal of Ichthyologie, hatte mir auch zu diesem Thema einen Kommentar ins Gästebuch geschrieben! Er unterstützt nachdrücklich die Auffassung, bei den gebräuchlichen Namen zu bleiben. Ich konnte seinen diesbetreffenden Brief jedoch nicht im Gästebuch belassen, denn einige seiner Äußerungen waren doch schon recht persönlich! Sorry. Selbstverständlich bin ich an weiteren Stellungnahmen zu diesem Thema interessiert!
Der Bitterling Es gibt nur wenige bessere Beispiele für die wechselseitigen Abhängigkeiten von Tieren wie die Symbiose von Bitterling und Muschel. Der mitteleuropäische Bitterling Rhodeus amarus ist ein kleiner Karpfenfisch, dessen Fortpflanzungsverhalten hochgeradig spezialisiert ist. Zur Fortpflanzungszeit (April bis Juni) wächst dem Weibchen eine bis zu 5 cm lange, pinkfarbene Legeröhre. Hiermit legt es einzeln Eier über die Einströmöffnung einer Teich- oder Flussmuschel in deren Kiemenkammer ab. Im Kiemenraum der Muschel wächst die Brut jetzt geschützt vor Fressfeinden heran. Nach 2 - 4 Wochen verlassen die Jungbitterlinge ihre Amme. Bild rechts: Ein Bitterlings-Männchen Umgekehrt profitiert aber auch die Muschel von den Bitterlingen. Ihre ins Freiwasser ausgestoßenen Larven heften sich an Bitterlinge, aber auch an andere Fische, und leben 2 bis 10 Wochen in einer Hautkapsel von den Körpersäften der Fische. Das ist eins der besten Beispiele von Symbiose - zwei Arten profitieren wechselseitig voneinander!
Faustregel: Fisch-Zentimeter pro Liter! Die verschiedentlich kritisierte Empfehlung ist durchaus sinnvoll: ein gut eingerichtetes Wohnzimmeraquarium sollten nur so viele Fische bewohnen, dass die Summe ihrer Körpergrößen in Zentimeter nicht das Fassungsvermögen des Aquariums (in Liter) übertrifft. Als Beispiel: Ein 20 Liter-Aquarium reicht demnach für 5 Fische mit einer Körperlänge von 4 cm oder für 10 Fische mit einer Körperlänge von 2 cm. Das ist eine Faustregel, die wie alle Faustregeln mit Vernunft angewandt werden muss! Sie wurde für Anfänger entwickelt, die ein typisches Gesellschaftsaquarium mit einer größeren Anzahl von Kleinfischen pflegen. Dass die Fische in jeder anderen Hinsicht zueinander passen müssen (Temperatur- und Wasseransprüche und vieles mehr!), sollte klar sein, ebenso, dass man in ein 20 Liter Aquarium nicht einen einzelnen 20 cm langen Fisch einsetzen kann! Die richtig verstandene und entsprechend angewandte Regel verhindert, dass Anfänger in der Aquaristik ihr Aquarium sinnlos mit Fischen vollstopfen! Routinierte Aquarianer brauchen diese Faustregel nicht. Sie wissen: Ein Aquarium kann selten zu groß sein! Ehrenrettung für die Spitzschlammschnecke
Tümpelfutter ist für mich unentbehrlich, speziell wenn es darum geht, die Laichbereitschaft einiger Fische zu stimulieren. Bei der Gelegenheit schleppt man sich hin und wieder auch Hydren (Süßwasserpolypen) ein. Makropoden sollen Süßwasserpolypen fressen - ich war mit ihren Leistungen allerdings nicht richtig zufrieden. Weit besser sind Spitzschlammschnecken! Einige dieser Weichtiere ins Aquarium und nach wenigen Tagen ist das Becken hydrenfrei! Es kann allerdings passieren, dass sie nicht die allerletzte Hydra finden. Dann tauchen die Plagegeister bald wieder nach der Entfernung der Schnecken auf. Dann hilft alles nichts - man muss die Prozedur wiederholen! Luxurierende Bastarde
Was aber, wenn doch? Speziell unter Aquarienverhältnissen kann man das erreichen. Die Bastarde sind steril – klar, aber sie zeigen oft einen Heterosis-Effekt: Merkmale beider Eltern sind jeweils verstärkt. Sie werden oft größer als jede ihrer Herkunftsarten oder sie zeigen gesteigerte Leistungen. Ein Beispiel für das sogenannte „Luxurieren der Bastarde“ zeigen Colisa lalia x labiosa Mischlinge. Wenn sie nach Beute spucken, erreichen sie größere Spuckhöhen und schnellere Frequenzen als die jeweiligen Eltern-Arten. – Nur als Anmerkung: In der professionellen Tierzucht (Haushühner!) macht man sich das routinemäßig zunutze. Bild links: Ein Colisa lalia x labiosa Mischling
Brutparasiten: Kuckuckswelse Viele Jahre lang erschien es unmöglich, bestimmte Welse aus der Gattung Synodontis zu züchten. Bis man schließlich auf des Rätsels Lösung kam. Die Welse brauchen maulbrütende Buntbarsche als Ammen für ihre Brut. Beim Ablaichen der Buntbarsche unterschieben die Welse den Cichliden ihren eigenen Laich. Im Maul ihrer Stiefmutter machen sich die kleinen Welse sofort nach dem Schlupf über ihre Stiefgeschwister her um sie zu verspeisen. Das Ergebnis: eines Tages entlässt die Buntbarschmutter einen ganzen Schwung kleiner Welse aus ihrem Maul! Mehr zu diesem Thema bei Fischverhalten.de: Symbiosen und Parasitismus
Fische mit vier Augen Vieraugen (Anableps anableps) schwimmen fast immer direkt am Wasserspiegel. Eigentlich haben sie nur zwei Augen. Diese sind aber unterteilt in jeweils einen Augenteil, mit dem der Fisch außerhalb des Wassers scharf sehen kann und eine untere Augenpartie, die darauf eingerichtet ist, dass die Tiere im Wasser scharf sehen können. Wie bei den Lebendgebärenden Zahnkarpfen haben die Männchen der Vieraugen ein Gonopodium (Begattungsorgan), womit eine innere Befruchtung möglich wird. Hier gibt es jedoch eine erstaunliche Spezialisierung: einige Männchen können ihr Gonopodium nur nach links bewegen, andere nur nach rechts. Die „linksdrehenden“ Männchen müssen also zur Befruchtung rechts an das Weibchen heranschwimmen. Das funktioniert aber nur dann erfolgreich, wenn dieses Weibchen eine nach rechts gerichtete Geschlechtsöffnung besitzt! Weibchen mit einer nach links ausgerichteten Geschlechtsöffnung können nur durch die entsprechend gebauten Männchen befruchtet werden! Flugbarben (Esomus) fliegen wirklich! Dass es Fliegende Fische im Meer gibt, weiß jedes Kind. Die Flugfische (Exocoetidae) nehmen mit kräftigen Schwanzflossenschlägen Anlauf und gleiten dann mehrere Meter hoch über die Wellen. Ein unvergesslicher Anblick, diese Segelflieger. Dass auch die südamerikanischen Beilbauchfische (Gasteropelecidae) fliegen, weiß fast jeder Aquarianer. Sie schlagen dazu schnell mit ihren Brustflossen – man könnte sie also die „Motorflieger“ unter den Fischen nennen!
Foto links: Ein echter Flieger: Flugbarben (Esomus) Dass die Flugbarben (Esomus) aus dem tropischen Asien fliegen, sollte eigentlich jedes Kind wissen, denn der Name sagt es bereits! Tatsächlich aber weiß das kaum ein Aquarianer und auch kein Wissenschaftler (oder?). Man liest über sie nur, dass sie ausgezeichnet springen! Sie sind jedoch richtige Flieger, sogar "Motorflieger"! Ich musste das zu meiner Überraschung erleben. Als ich während einer Fangreise im Süden Thailands eine Flugbarbe am Schwanz hochhielt um sie kopfüber in das Tötungsglas zu verfrachten (Verzeihung, bei Sammelreisen muss das manchmal sein!), schlug der Fisch brummend mit den Flügeln – pardon, den Brustflossen. Es klang wie ein Gummimotor. Ich ließ den Fisch vor Schreck los und er flog in hohem Bogen davon! Nachtrag: Im Aquarien Atlas Foto Index S. 131 lese ich gerade über die Beilbauchfische: "Es sind die einzigen Fische, von denen bekannt ist, daß sie aktiv in der Luft fliegen (Nelson, 1994) ..." - Es besteht also Korrekturbedarf.
zurück zur Übersicht-Startseite weiter zur nächsten Seite: Mehr Wissenswertes - Interessantes aus der Welt der Fische |