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Taucherparadies Malediven© Dr. Jörg Vierke Mein erster Tauchgang in einem tropischen Korallenmeer ist mittlerweile Jahrzehnte her, und inzwischen habe ich mehrere hundert Tauchgänge in wirklich allen Tropen-Meeren unternommen, aber ich bin sicher - diese ersten Eindrücke werde ich nie vergessen. Aus heutiger Sicht hat es sich damals vor der Malediveninsel Eriyadu ganz bestimmt um nichts Besonderes gehandelt. Ein Blick in mein Taucher-Logbuch sagt mir folgendes: Eriyadu/Hausriff, 30 m maximale Tauchtiefe, 30 Minuten Tauchzeit, Checktauchgang, viele Schiffshalter. Malediven unter Wasser - das ist klares blaues Wasser mit großen Sichtweiten, warmes Wasser, das es gestattet, mit einem leichten Surfanzug zu tauchen oder sogar nur mit Jeans und T-Shirt und das ist vor allem die atemberaubend farbige Welt der Korallen und der Korallenfische. Ich gestehe gern, dass ich bei diesem Tauchgang fast erstickt wäre - erstickt an all den Worten, die ich unter Wasser nicht artikulieren konnte. So konnte ich erst nach dem Auftauchen meiner Begeisterung freien Lauf lassen: Die vielen großen Schiffshalter, die uns offensichtlich in Ermangelung von Schiffen oder Haifischen unbedingt adoptieren wollten und sich durch Anhängen an die Pressluftflaschen gelegentlich schon fast als lästig erwiesen.
Die Malediven liegen direkt am Äquator etwa 600 km von der Südspitze Indiens in südwestlicher Richtung entfernt. Mit 298 Quadratkilometer Landfläche gehören die Malediven eigentlich zu den Zwergstaaten. Da sich der Staat aber aus weit über tausend kleinen und kleinsten Inseln zusammensetzt, hat er eine Nord-Südausdehnung von 764 km und eine Ost-Westerstreckung von 130 km.
Panikmacher sagen uns, die Malediven und andere Korallenstaaten würden ertrinken und verschwinden, wenn der Meeresspiegel im Zusammenhang mit der weltweiten Klimaerwärmung weiterhin ansteigt. Das ist erfreulicherweise aber nicht so. Mit dem Steigen des mittleren Meeresspiegels wachsen auch die Korallen mit nach oben. Sie können ohnehin nur in den gut durchleuchteten höheren Zonen des Meeres existieren. Und mit den Korallen wird weiterhin Korallensand produziert, durch Wind und Wellen, ganz wesentlich auch unter Mithilfe der Korallen fressenden Papageienfische. Die Malediven und andere Koralleninseln werden uns also erhalten bleiben! Koralleninseln sind erfreulicherweise selbststabilisierend und selbsterhaltend! * Nur 203 dieser Eilande werden von Malediviern bewohnt. Hinzu kommen 56 Inseln, die jeweils mit einer Hotelanlage mit Tauchschule (meist unter deutschsprachiger Leitung) versehen sind. Wenn auch der Tourismus lebenswichtig für diese kleine Inselrepublik geworden ist, von einem "Ausverkauf der Natur" kann man hier sicher nicht reden. Tatsächlich wird hier streng auf die Einhaltung bestimmter Schutzgesetze geachtet, und auch die Zahl der Touristeninseln wird bewusst klein gehalten.
Als Tourist erreicht man in etwa zehn Flugstunden die Insel Hulule. Die ganze Insel ist in ein Rollfeld, Tower und Abfertigungshallen verwandelt. Mit Schnellbooten geht es dann von hier aus in wenigen Minuten zur Hauptstadt Male. Das eigentliche Ziel des Urlaubsreisenden wird jedoch eine der Touristeninseln sein, die mit mehr oder weniger schnellen Booten in wenigen Minuten oder auch erst in mehreren Stunden erreicht werden können. Ich möchte hier von der Insel Eriyadu berichten. Ich habe auch andere Malediveninseln kennengelernt, aber sie unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander. Der Komfort auf der einen Insel und die Bettenzahl, die Qualität der Küchen und der Tauchbasen sind natürlich unterschiedlich, aber es ist seltsam - meistens kommen Besucher die ein zweites und ein drittes Mal die Malediven besuchen, wieder zu genau "ihrer" Insel zurück. Eriyadu liegt im nordwestlichen Teil des Nord-Male-Atolls etwa 45 km vom Flughafen entfernt. Die Insel ist etwa 280 x 90 m groß und somit in einer Viertelstunde bequem zu umrunden. Überall grenzt sie mit weichem Sandstrand an das klare, blaugrüne Meer. Die Urlauber wohnen in kleinen Einzel- oder Doppelbungalows. Im Gegensatz zu den meisten Inseln ist Eriyadu nicht mit den eigentlich für die Malediven-Inseln typischen hohen Kokosnusspalmen bestanden. Die auch hier angepflanzten Palmen müssen noch etwas wachsen. Stattdessen ist die Insel vorwiegend mit mannshohen Scaevola-Büschen bewachsen. Daneben wachsen hier stelzwurzelige Schraubenpalmen und viele Lilien, deren weiße Blüten an Crinum aus unseren Aquarien erinnern. Es handelt sich hier in der Tat um Crinum asiaticum. - Inzwischen dürften die Palmen allerdings um einiges gewachsen sein. Mein Besuch, von dem ich hier schreibe, war 1987! Verschiedene interessante Tiere bevölkern die kleine Insel. Abgesehen von den zahlreichen Geckos, die im Licht der abends leuchtenden Bungalow-Laternen auf Insektenfang gehen, fallen tagsüber vor allem die munteren Schönechsen (Calotes) auf. Sie sind meist recht zutraulich, aber wenn sie sich verfolgt fühlen, dann können sie im Geäst fast wie Eichhörnchen springen. Gegen Abend beginnen viele der überall auf der Insel herumliegenden Schneckenhäuser sich zu bewegen. Sie sind von Landeinsiedlerkrebsen, Coenobita clypeata, bewohnt. Diese Krebse verstehen es, tagsüber die Gehäuseöffnung ihres Schneckenhauses mit einer Schere und einem Schreitbein fugenlos zu verschließen. Die genaue Einpassung an das jeweilige Schneckenhaus geschieht direkt nach der Häutung, wenn der Krebs noch weich ist. Wenn das Schneckenhaus zu klein geworden ist, müssen die Einsiedler sich nach einem größeren umsehen, das sie dann beziehen. Hierzu müssen sie ihren empfindlichen Hinterleib - gewissermaßen die verletzliche Achillesferse im Überlebenskampf - sekundenlang freilegen. Auch zur Paarung verlassen die Landeinsiedler offenbar ihr Gehäuse. Die Larven entwickeln sich jedoch im Wasser. Am Strand findet man oft mehrere Zentimeter hohe, spitze Sandburgen. Hier haben nicht etwa Kinder gespielt. Wenn man abends am Strand sitzt, um zuzusehen, wie die Sonne ins Meer "zischt", dann erscheinen die Erbauer schließlich in der Dämmerung. Sie sehen aus, wie Invasoren aus einer anderen Welt, wenn sie sich truppweise mit schnellen Laufbewegungen nähern: Reiterkrabben. Mit hastigen Greifbewegungen ihrer Scheren suchen sie nach dem, was tagsüber an den Strand gespült wurde. Immer wieder unterbrechen sie diese Tätigkeit, weil sie von einem Artgenossen gejagt werden oder weil sie glauben, einen Artgenossen verfolgen zu müssen. Die Männchen errichten die Sandhaufen als Reviermarken oder auch als Imponierbauten bei der Balz. Bei Gefahr verschwinden die Reiterkrabben sofort in einem ihrer selbstgegrabenen Sandlöcher. Sie können ziemlich lange außerhalb des Wassers existieren. Sie tragen in den fast völlig vom Panzer umschlossenen Kiemenhöhlen einen kleinen Wasservorrat mit sich. Der Sauerstoffvorrat des Wassers wird ständig über ein kleines, von Haaren versperrtes Loch zwischen dem 3. und 4. Beinpaar wieder erneuert. Natürlich kann verbrauchtes Wasser auch durch kurzes Eintauchen in eine Pfütze wieder durch frisches Wasser ergänzt oder erneuert werden. Die eigentliche Vielfalt des Lebens liegt hier aber natürlich unter Wasser. Auch wer "nur" zum Schnorcheln auf die Malediven gekommen ist, wird sich selbst nach einem dreiwöchigen Aufenthalt nicht langweilen. Immer wieder gibt es Neues zu sehen. Beginnen wir unsere erste Begegnung mit dem Korallenriff schnorchelnd! Man braucht nur seine ABC-Ausrüstung (Maske, Schnorchel und Flossen) und ein T-Shirt, das man sich gegen den Sonnenbrand überzieht - schon kann das Abenteuer beginnen. Direkt in Strandnähe können Korallen nicht gedeihen. Hier ist eine sandige Lagune - die Badenden wissen das zu schätzen. Aber jetzt schon schauen und den Kopf ins Wasser stecken! Dort hinten sind geweihartige weiße Stangen. Es sind die abgestorbenen Stämme der Geweihkorallen (Acropora), die man auch schon am Strand angespült finden konnte. Da kommen uns schwarz-weiß gestreifte Preußenfische aufgeregt entgegengeschwommen. Wenn wir auf sie zuschwimmen, verschwinden sie rasch zwischen den schützenden Korallenästen, kommen aber schnell zurück, um uns anzudrohen. Hier ist ihr Revier, was hat der Eindringling hier zu suchen?! Am Fuß eines Acropora-Haufens, direkt auf dem Sandboden, liegt ein phantastisch gefärbter, geradezu unverschämt bunt gefärbter Fisch. Er hat eine hohe, fahnenartig ausgezogene erste Rückenflosse. Auch die anderen Flossen sind großflächig, besonders die Brustflossen. Zweifellos ein Leierfisch, aber welche Art?
In etwa 50 m Entfernung vom Strand beginnt die Region der Korallen. Sie ragen hier bei Niedrigwasser fast bis zur Wasseroberfläche. In der Regel lassen sie es aber zu, dass man sich schnorchelnd über ihnen entlangbewegen kann. Welche Vielzahl von Farben und Formen kann man hier beobachten! Zwischen den Korallen dann die Fische, zumeist Arten, die man aus Vorträgen im Aquarienverein, den Aquarienzeitschriften und den großen Schauaquarien her kennen sollte. Aber die Vielfalt der Formen und Farben ist zunächst dennoch verwirrend. Als erstes fallen dem Taucher sicherlich die Falterfische (Chaetodon-Arten) auf. Einige Arten kommen vorzugsweise im Schwarm vor, andere trifft man zumeist paarweise an. Dort stehen Einpunkt-Schmetterlingsfische, Chaetodon unimaculatus, hier sucht ein Paar der typisch gezeichnete Ch. trifasciatus zwischen den Korallen nach Nahrung. Die großflächigen Tiere haben nicht nur eine kontrastreich schwarzweiß-gelb gefärbte Kopf- und Rückenpartie. Ihr großflächiger Körper ist gelblichgrau gefärbt und mit zahlreichen Längsstreifen versehen, von denen sich einer in der hinteren Rückenregion zu einem dunklen Fleck verdichtet.
Noch auffallender allerdings sind die Doktorfische. Die häufigste Art bei den Malediven sind die Weißkehl-Doktorfische, Acanthurus leucosternon. Zumeist sieht man die blau-weiß-gelben Fische nur einzeln oder in kleinen Trupps. Bei einer Gelegenheit sah ich sie jedoch beim Schnorcheln in einem dichten Schwarm. Etwa 200 Tiere suchten im Flachwasser des Saumriffs nach Nahrung - ein unvergesslicher Anblick. Offenbar war gerade der Zeitpunkt, an dem die Muscheln ihre Laichprodukte ins Wasser gaben. Es ist unmöglich, auch nur die schönsten Begegnungen aufzuzählen, die man beim Schnorcheln rund um so eine Koralleninsel machen kann. Stichwortartig nur noch das, was man am Rande des Riffs beobachten kann, dort, wo die See plötzlich auf 30 m Tiefe abfällt. Hier fällt die große Hier, wo die tieferen Meereszonen beginnen,
Doch verlassen wir mal das Hausriff und machen noch kurz einen Abstecher zum Außenriff. Nach kurzer Fahrt mit dem Motorschiff sind wir am Ziel. Ich sehe weit und breit nur Wasser. Der Tauchlehrer gibt ein Zeichen, wir springen ins Wasser. Luft aus der Schwimmweste heraus, tief ausatmen - und wir schweben langsam in die Tiefe. Das Blau des Wassers wird dunkler, in etwa 15 Meter Tiefe erreichen wir ein Riff. Der Tauchlehrer zeigt nach unten. Dort liegen etwa 10 Meter tiefer, wie Flugzeuge auf einem Flughafen abgestellt, acht Weißspitzen-Riffhaie auf dem Sandboden. Wir schwimmen in ihre Richtung und lassen uns jetzt ohne weiteren Flossenschlag sinken. Langsam gleiten wir auf diesen Haiflugplatz zu, so als wollten wir neben ihnen landen. Der erste Hai startet mit kräftigen seitlichen Schwanzschlägen und verschwindet im Dunkelblau, jetzt startet der zweite, der dritte und schon sind sie alle verschwunden. Einige Minuten gleiten wir nun über dem Sandboden dahin. Keine Korallen mehr, alles Sandwüste. Was sind das in der Ferne für spazierstockartig gebogene Gebilde im Sand? So wie man sich ihnen auf einige Meter nähert, verschwinden die Spazierstöcke im Boden. Es handelt sich um Röhrenaale. Sie verlassen als erwachsene Fische niemals mehr ihre Wohnhöhle; sie und ihre nahen Verwandten sind die einzigen sessilen Wirbeltiere, die bisher bekannt geworden sind.
Zurück zum Unterwasser-Korallenberg, leider zeigen unsere Finimeter an, dass der Tauchgang sich dem Ende zuneigt. Auf dem Heimweg sehen wir eine große Wasserschildkröte eilends von uns wegpaddeln. Wir haben keine Zeit mehr, ihr zu folgen. Jetzt haben wir den Korallenstock erreicht, das Auftauchen kann beginnen. Plötzlich zeigt unser Tauchlehrer aufgeregt nach oben. Wir folgen seinem Finger und sehen im Blau über uns majestätisch mit ihren "Flügeln" schlagend Großfische, die ihrem Namen alle Ehre machen: Adlerrochen gleiten fast direkt über uns hinweg. Ihre flügelartigen Flossen erreichen eine Spannweite von zwei Metern. Siebzehn Adlerrochen zählen wir - einer nach dem anderen verschwindet langsam in der blauen Ferne. * Jetzt (2. 1. 2011) lese ich in "Bild der Wissenschaft" 1/2011, S. 106 über eine wissenschaftliche Auswertung von historischen und aktuellen Satellitenfotos (Webb & Kench in "Global and Planetary Change"): "Der Meeresspiegel im Zentralpazifik steigt derzeit im Schnitt um etwa 20 mm pro Jahrzehnt - aber der Vergleich der Bilder beweist: Die Mehrzahl der Inseln schrumpft nicht, sondern wächst." Aussage mit Begründung wie oben von mir vor bereits 4 Jahren gegeben. Kein weiterer Kommentar!
© Dr. Jörg Vierke
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