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Aus dem Privatleben der Fische 1 - Schwärme

Ein Kapitel Fisch-Soziologie

(C) Dr. J. Vierke

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Der Zebra-Buntbarsch Amatitlania nigrofasciata - in der Jugend Schwarmfisch, später zeitweise territorial.
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Heringsschwarm (Clupea harengus) im Aquarium Kiel

Nicht allein die Schönheit vieler Fische zieht den Aquarianer in den Bann. Gera­de Beobachtungen zum Verhalten der Aquarienbewohner sind immer wieder schön und interessant. Wer freut sich nicht über im Schwarm sich harmlos ja­gende Fische, wen begeistern nicht Fischeltern, die aufmerksam ihre Kleinen führen und sie vor eventuellen Feinden verteidigen? Etwas Hintergrundwissen ist aber durchaus angebracht, wenn man Freude am Verhalten seiner Fische haben möchte.

Um einen gewissen Überblick über die verschiedenen Vergesellschaftungsfor­men der Fische zu erhalten, werden sie im Allgemeinen in drei Gruppen, in Schwarmfische, in Revierfische und in Einzelgänger eingeteilt. Wie sich bald zeigen wird, ist diese Einteilung problematisch, weil viele Arten je nach ihrem augenblicklichen Verhalten mal Schwarm-, mal Revierfische genannt werden können.

Fischschwärme kennt jeder Aquarianer. Was aber ist das Besondere an einem Schwarm? Ein echter Schwarm muss klar von jeder mehr oder weniger zufälligen Ansammlung von Fischen unter­schieden werden, wie sie im Aquarium zum Beispiel an der Futterstelle anzutref­fen ist. Fischschwärme sind dadurch ausgezeichnet, dass alle Schwarmmitglie­der zur gleichen Zeit den gleichen Tä­tigkeiten nachgehen und dass sie alle den gleichen sozialen Rang haben. Der gleiche soziale Rang schließt Kämpfe unter Schwarmgenossen weitgehend aus. Wenn sich also - was gar nicht mal so sel­ten ist - unsere Schwarmfische im Aquarium streiten oder gar hartnäckig prü­geln, bilden sie streng genommen kei­nen Schwarm mehr.

Beobachtungen an Schwarmfischen

Rote Neons
Rote Neons (Paracheirodon axelrodi) sind typische Schwarmfische

Nun genug der Theorie! Beobachten wir einmal Rote Neonsalmler. Wenn wir die Tiere ins Aquarium bringen, werden sich die verschreckten Tiere in der ihnen fremden Umgebung zumeist einzeln hinter Steinen, Pflanzen und unter Wurzeln verstecken. Erst nach und nach wagen sich die ersten aus ih­ren Schlupfwinkeln hervor und schwimmen ins freie Wasser. Wenn sich zwei Einzeltiere sehen, schwimmen sie aufeinander zu und bleiben beisammen. Nach und nach schließen sich dann die restlichen Neons an, und es entsteht das schöne Bild eines dicht aufgeschlossenen Neonschwarmes.

Nach einigen Ta­gen entdecken wir vielleicht, dass der Zusammenhalt des Schwarmes nachge­lassen hat. Die Abstände vom einzelnen Fisch zu seinen Nachbarn sind viel größer geworden. Wenn wir jedoch im Aquarium hantieren und dadurch die Fi­sche beunruhigen oder wenn wir gar einen großen Fisch, zum Beispiel einen ausgewachsenen Skalar, hinzusetzen, dann sehen wir, wie der Schwarm sich wieder ganz eng zusammenschließt. Eine tatsächliche oder auch nur vermutete Gefahr verstärkt also den Zusammenhalt des Schwarmes. Bei einem direkten Angriff erlebt man allerdings, dass die ganze Gesellschaft blitzartig auseinander fährt und jeder Fisch sich in einem Schlupfwinkel verbirgt. Natürlich kann man Beobachtungen an einer Fischart nicht verallgemeinern. Dennoch erscheint es nach dem eben Geschilderten wahrscheinlich, dass der Schwarmverband einen gewissen Schutz vor Feinden bietet. Freiwasserbeobachtungen an Schwarm­fischen sprechen ganz klar für diese Annahme, ebenso aber auch Beobachtun­gen an Vogelschwärmen.


Hier schließen sich Mollys aus Furcht vor einem Freßfeind (Scleropages) zu einem dichten Schwarm zusammen.

Sicherlich sind zwei Faktoren für die Schutzwirkung des Schwarmes von Bedeutung: Ein Schwarm wird sehr viel eher auf das Nahen eines Feindes aufmerksam als ein Einzelfisch, denn bekanntlich sehen viele Augen mehr als zwei. Der Fischschwarm hat dann oft die Gelegenheit im Pflan­zengewirr oder im Korallenriff Zuflucht zu suchen oder sich durch die Flucht sei­nem Feind zu entziehen. Außerdem aber wird ein Raubfisch durch zu viele Beutefische auf engem Raum verwirrt. Vor dem Zustoßen muss ein Raubfisch seine Beute normalerweise genau fixieren, also anzielen, und das ist natürlich bei einem größeren Schwarm Beutefische nur schwer zu erreichen, da immer wieder andere Fische störend und ablenkend im Blickfeld auftauchen.

Eibl-Ei­besfeldt hat sich auf einer längeren Tauchexpedition eingehend mit diesen Fra­gen beschäftigt: "Nur ausnahmsweise sah ich einen Raubfisch einen Fisch aus dem Schwarm herausfangen, während ein Abgesprengter leichte Beute ist, gleich ob er den Feind sah oder nicht. Kaum je wird ein Raubfisch blindlings er­folgreich in einen Schwarm stoßen." Wir sehen also, Einigkeit macht stark. Das gilt natürlich nicht nur für die Gejagten, sondern auch für die Jäger. Der Schwarm kann nicht nur ein Schutzverband sein, sondern - seltener - auch als Jagdverband dienen. Solche Jagdgesellschaften werden zum Beispiel von unse­rem Flussbarsch (Perca fluviatilis) berichtet. Im Schwarm jagende Raubfische können ganze Schwärme von Beutefischen einkreisen und dann einzelne Fische vom Schwarm abspalten, die dann eine leichte Beute der Räuber werden.

Doch zurück zu den Neonsalmlern! Es stellt sich uns die Frage, wie die Fische sich finden und wie der Schwarm zusammenhält. Wir kommen der Lösung die­ser Frage näher, wenn wir die Aquarienbeleuchtung in der Nacht wieder an­schal­ten. Wir werden dann feststellen, dass sich der Schwarm im Dunkeln zer­streut hat. Offenbar ist also der Gesichtssinn ausschlaggebend für den Zu­sam­menhalt des Schwarms. Der Aquarianer weiß, dass seine Schwarmfische sich besonders gerne mit Artgenossen zusammenschließen. Die Tiere erkennen sich an "Vereinsabzeichen", an leuchtenden Farben oder auffallend gezeichne­ten Rücken- oder Schwanzflossen, wie wir es besonders schön bei unseren ver­schiedenen Salmler-Arten sehen können.

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Junge Korallenwelse (Plotosus) im Meer vor Lombok / Indonesien

Gelegentlich kann man lesen, typische Fischschwärme gäbe es nur im Meer. Das ist zweifelsfrei unzutreffend. Aber Tatsache ist, dass Schwärme umso sinnvoller sind, je größer und unstrukturierter ihr Lebensraum ist. Und der größte und unstrukturierteste Lebensraum ist zweifelsfrei der offene Ozean! Ein gut bepflanztes Aquarium dagegen ist sicherlich exakt das Gegenstück. Kein Wunder, dass man typisches Schwarmverhalten als Aquarianer nur selten beobachten kann – am ehesten dann, wenn die Fische sich extrem unsicher fühlen, also wenn sie neu in eine unbekannte Umgebung eingebracht werden oder wenn ein offensichtlich gefährliches Tier eingesetzt wird.

Auch im Freiwasser trifft man unsere als Schwarmfische bekannten Tiere oft nicht im typischen Schwarm an. Das sollte jedoch kein Freibrief sein, die Fische im Aquarium in zu kleinen Trupps zu halten. Tatsächlich hört typisches Schwarmverhalten dann auf, wenn die Fische gelernt haben, einzelne Artangehörige als Individuen wieder zu erkennen. Dann lohnt sich der Kampf um die Vorherrschaft, wie unten bei den Malabarbärblingen gezeigt wird!

Bei welcher Anzahl kann man von einem Schwarm sprechen, wie viel Schwarmfische sollte man als verantwortungsbewusster Tierfreund zusammen pflegen? Schwer zu beantwortende Fragen! Das ist zweifellos von Fall zu Fall sehr verschieden. Im Zweifelsfall sollte man immer ein paar Artgenossen mehr haben!

Zum Schluß noch eine Beobachtung an Schwarmfischen, die man als Taucher machen kann - allerdings nicht häufig! Ich habe dieses Verhalten in der Südsee filmen können. Den Film direkt am Ende des Berichts sollte man sich ansehen. Er zeigt eine besonders stressige Situation für Schwarmfische, die sich nicht in den Schutz von Korallen zurückziehen können, die sich aber gerade in Gegenwart ihrer Hauptfeinde aufhalten müssen. Das Gebiet ist - aus der Sicht der Lutjanus - "haiverseucht"! Sie schließen sich fast hautnah zu einem formierten Schwarm zusammen, der aus der Ferne einem riesigen Fisch gleicht. Ob sich Haie so täuschen lassen?

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Keilfleckbarben Trigostigma heteromorpha

Auch der Geruchssinn spielt eine Rolle

Keenleyside hat die Faktoren, die für den Zusammenhalt eines Schwarmes wichtig sind, näher untersucht und dabei festgestellt, dass geblendete Rotfedern (Scardinius erythrophthalmus) kein typisches Schwarmverhalten mehr zeigen. Er konnte jedoch nachweisen, dass sie sich nicht ganz zerstreuen, sondern in einem Bezirk zusammenbleiben, in dem sie noch den Geruch ihrer Artgenossen wahr­nehmen konnten. Diese Reaktion entspricht offenbar dem Verhalten der Rotfe­dern bei Nacht. Der Zusammenhalt durch den Artgeruch verhindert eine zu große Zerstreuung der Tiere bei Nacht, so dass sie sich am nächsten Morgen ohne allzu große Mühe wieder zum Schwarm sammeln können.

Eine weitere Frage können wir auch wieder am Neon-Schwarm zu lösen versu­chen. Wer bestimmt die Wanderrichtung in einem Schwarm, das heißt, wer ist das Leittier? Wenn unser dicht geschlossener Neon-Schwarm gerade an einer Stelle verweilt, sehen wir oft, wie ein einzelner Fisch sich vom Schwarm löst und in eine bestimmte Richtung schwimmt. Oft ist der Aufbruch eines einzelnen er­folglos, das heißt, der Schwarm schwimmt ihm nicht nach. Wenn er das be­merkt, kehrt er sofort wieder zum Schwarm zurück. Oft reißt er aber auch die anderen Fische mit, besonders dann, wenn er schnell und gerichtet davon­schwimmt. Dieser Initiator ist nun keineswegs der Stärkste oder Klügste des Schwarmes, sondern lediglich der zufällig erste. In einem typischen Fisch­schwarm gibt es also keine Leittiere und damit auch keine Kämpfe um die Vor­herrschaft; jeder Fisch "nimmt Rücksicht" auf anders Gestimmte. Zerstört man jedoch durch einen "kleinen Eingriff" das Großhirn eines Schwarmfisches - ein Eingriff, der seine Lebensfähigkeit nicht herabsetzt - dann wird das Tier voll­kommen asozial. Es kümmert sich in keiner Weise mehr um seine Artgenossen, sondern schwimmt stur und unbekümmert seine eigene Bahn. Die Reaktion des Schwarmes auf dieses Verhalten ist erschütternd: Der ganze Schwarm folgt dem so "zielstrebig und entschlossenen" Fisch auf allen seinen Wegen. Sein Defekt machte das großhirnlose Tier zum Anführer des Schwarms.

Wer seine Neons nicht gerade weiterzüchten will, kann unter Umständen inter­essante Beobachtungen bei ihrem Ablaichen im Gesellschaftsaquarium machen. Die paarungslustigen Männchen sondern sich im Pflanzendickicht ab und bilden dort kleine Reviere von nur wenigen Zentimetern Durchmesser, die sie ener­gisch gegen die Männchen der angrenzenden Nachbarreviere verteidigen und in denen sie auf die Näherung laichwilliger Weibchen warten, die sich zunächst noch außerhalb der Männchenreviere aufhalten.

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Ein Schwarm Fünflinienschnapper Lutjanus quinquelineatus
Ähnliches Verhalten wird auch von anderen Salmlern, von Hyphessobrycon- und Nannostomus-Arten berichtet. Die Fische verteidigen ihre Reviere nur wenige Stunden bis zu mehreren Tagen. In der Biologie ist letztlich fast jedes Verhalten einer Tierart sinnvoll; andernfalls hätte es sich nicht bewährt, und die Art wäre schon längst ausgestorben. Der biologische Sinn der Absonderung vieler Schwarmfische vom Schwarmverband zur Fortpflanzungszeit liegt auf der Hand: Offenbar können diese Schwarmfische ihr Fortpflanzungsgeschäft allein besser und sicherer durchführen als in der Gemeinschaft. Ganz besonders gilt dieses natürlich für brutpflegende Arten, die daher auch ein besonders ausgeprägtes Territorialverhalten haben. Fortsetzung auf der Folgeseite! >>>

(C) Dr. J. Vierke

Weiteres zum Schwarmverhalten der Fische auf meiner Seite "fischverhalten.de" >>>

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Hier der kurze Film zum Schwarmverhalten der Schnapper in der Südsee: