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Vor drei Jahren hatte ich mir einen kleinen Trupp Goldringelgrundeln Brachygobius doriae angeschafft. Intensive Beobachtungen an diesen Tieren bestätigten in vielen Fällen die aus der Literatur bekannten Fakten, in anderen Fällen zeigten sich jedoch Widersprüche und neue Einsichten.


Goldringelgrundel Brachygobius doriae

Neue Erkenntnisse und Fragen zur Goldringelgrundel Brachygobius doriae

© Dr. Jörg Vierke

Zunächst zum Namen: Die im Deutschen geläufigen Bezeichnungen Goldringelgrundeln, Hummelfische oder Wasserwespen brauchen keine Erklärung, wenn man sich die Fotos dieser Fische anschaut. Eine Begründung für die auffallende Farbgebung der Grundeln, wird am Schluss dieses Berichts gegeben. – Zum wissenschaftlichen Namen: Lange Zeit wurde für diese kleinen Fischchen die Bezeichnung xanthozona benutzt. Inzwischen scheint aber klar zu sein, dass die bei uns gehaltenen Tiere zur ähnlich aussehenden Art doriae gehören.

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Goldringelgrundel Brachygobius doriae in der gelb-schwarzen Normalfärbung
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Brachygobius doriae, Männchen in der orange-schwarzen Brutfärbung

Brachygobius doriae erreicht nur Maximalgrößen von gut 4 cm. Die Tiere sind in weiten Teilen Südostasiens zu Hause (Indonesien, Malaysia, Brunei and Singapur). Die Abgrenzung zu anderen Arten im Umkreis erscheint jedoch unsicher. Sie leben im Bereich der brackigen Flussmündungen und in den küstennahen Tiefländern. Aber auch in reinen Süßwassergebieten, die vielfach keinen Kontakt zum Meer haben, werden sie angetroffen.

In der Annahme, die Hummeln seien mehr oder weniger Brackwasserfische, wird immer wieder empfohlen, die Tiere unter Zusatz von einigen Teelöffeln Salz zu halten und zu züchten. Dass das unnötig ist, wurde schon 1935 gezeigt (E. Roloff). Auch ich ging jedoch von der ständig wiederholten Behauptung aus, die Tiere bräuchten einen Salzzusatz oder wären zumindest dafür dankbar, und ruinierte so meine Wasserpflanzen und machte bestimmte Vergesellschaftungen mit Weichwasser liebenden Fischen unmöglich. Später zeigte sich, dass die Fische erst ablaichten, als ein rigoroser Wasserwechsel mit Weichwasser erfolgte. Das Ablaichen erfolgte darauf wie auf Kommando!

Das zweite Vorurteil mit den Goldringelgrundeln: Sie fressen nur Lebendfutter! Ich glaubte es auch lange Zeit. Tatsächlich kann man viele von ihnen mit Mühe auch an anderes Futter gewöhnen. Recht einfach ist aber die Umstellung von lebenden weißen Mückenlarven (die sie sehr gerne fressen) auf  tiefgefrorene Mückenlarven.

Eine weitere Falschmeldung im Zusammenhang mit diesen Grundeln ist die Behauptung, sie hätten keine Schwimmblase. In der Tat liegen sie gern ruhend auf dem Bodengrund oder auch auf Pflanzen gestützt wie Fische, denen eine Schwimmblase fehlt. Aber jeder nur halbwegs aufmerksame Beobachter hat Goldringelgrundeln  im Wasser schweben sehen. Sie können sich sehr wohl im Wasser austarieren, und das mit Hilfe ihrer Schwimmblase.

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Brachygobius doriae, das Goldringelgrundel-Männchen am frischen Gelege

Zur Fortpflanzung der Hummelfische

Es stellte sich leider heraus, dass unter meinen 7 Goldringelgrundeln nur ein einziges Männchen war. Die interessanten, aber harmlosen Rivalenkämpfe dieser Fische konnte ich daher nicht beobachten. Seltsamerweise gelingt es mir auch seit vielen Monaten nicht, im Handel an weitere Goldringelgrundeln heranzukommen – derzeit nicht verfügbar! Leider verpasste ich den Moment des Ablaichens, auch darüber kann ich hier nichts aussagen. Tatsächlich kann ich hier auch nur von einem einzigen Brutvorgang berichten. Dafür aber ist der in Foto und Video weit besser dokumentiert, als man es sonst von diesen Fischen kennt.

Goldringelgrundeln laichen unter Steinen oder noch lieber in Höhlen, die nicht  direkt in Bodennähe sind. Verständlich, dass das die Beobachtung erschwert. Mein Paar hatte unter einer Schieferplatte abgelaicht, die schräg an die Aquarienrückwand gelehnt war. Ich wagte eine Störung, säuberte die Scheibe im relevanten Teil innen und stellte den Stein bei der Gelegenheit steiler an die Rückwand. So entstand eine künstliche Gesteinsspalte, bei der die eine Hälfte aus der Glaswand bestand. Der Vater kam umgehend nach dieser Aktion zum Gelege zurück und versorgte es weiter.

So hatte ich für meine Kamera und mich ideale Beobachtungsmöglichkeiten. Lediglich mit einigen Kratzern auf der Scheibe musste ich mich abfinden.  Der Hummelfisch-Vater ließ sich von der Helligkeit, die hier herrschte, nicht stören. Direkt oberhalb dieses Steins befand sich übrigens der Ausströmer eines Filters, der nach dem Wasserfallprinzip arbeitete. Hier war also eine ständige Strömung – vielleicht ein Grund dafür, dass kein einziges Ei verpilzte.

Die Eier waren undurchsichtig trübweiß, so wie man es bei Versteckbrütern zu erwarten hat. Sie hingen an kurzen Fäden, was man erst bemerkte, wenn das Männchen über ihnen hinwegschwamm. Dann kamen sie in Bewegung.

Zur Gelegegröße: In meinem Fall zählte ich exakt 250 Eier *. In der Literatur werden meistens kleinere Eizahlen angegeben. Vielleicht erklärt sich das daraus, dass in uneinsehbaren Höhlen nur grobe Schätzungen möglich waren. Horsthemke (1992) berichtet von Gelegegrößen um 130 Eier bei doriae.

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Nur das Männchen kümmert sich bei den Hummelfischen um das Gelege!

Nur der Vater kümmerte sich um das Gelege. Seine hellen Körperpartien hatte jetzt eine noch auffallendere Färbung angenommen, sie waren während der gesamten Brutpflegezeit leuchtend orange. Und erst jetzt bemerkte ich, dass das Männchen doch um einige Millimeter kleiner als all die anderen Goldringelgrundeln war! Fast ständig hatte der Vater sein Gelege im Auge, auch wenn er nicht unablässig direkt über den Eiern war. Und fächeln sah ich ihn nur ausnahmsweise. Das war im Hinblick auf das hier doch relativ bewegte Wasser auch sicher unnötig.

Jetzt kommt eine Diskrepanz zu anderen Berichten: Es geht dabei um die Zeitigungsdauer! Die meisten Berichterstatter (ich schreibe bewusst nicht Beobachter **!) geben 3 – 4 Tage an; nach Wikipedia schlüpft die Brut nach 4 bis 5 Tagen. Pinter schreibt im Kosmos-Handbuch der Aquarienkunde (S. 504) sogar: „Jungfische schlüpfen … schon nach 48 Stunden, andere später …“.  Seltsam, schreibt er über eine andere Art?

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Brachygobius doriae-Männchen mit dem Gelege am Abend vor dem Schlüpfen der Brut

Ich habe völlig anderes beobachtet: Ich fand das vollständige Gelege am Morgen des 21. März. Am Abend des 28. März fotografierte und filmte ich es das letzte Mal. Es war immer noch vollzählig. Aber die Kleinen waren schlupfreif. Sie bewegten sich und bei den Großaufnahmen hatte ich das Gefühl, sie beobachteten mich mit wachen Augen. Am nächsten Morgen waren sie nicht mehr an der Schieferplatte. Sie schwebten und schwammen im freien Wasser – aber man musste schon zweimal hinschauen, um die Kleinen zu sehen. Die Fische brauchten bei mir also volle 8 Tage bis zum Freischwimmen!

Hans Horsthemke hat die Ei- und Larvenentwicklung bei Brachygobius doriae ganz akribisch verfolgt. Er ermittelte eine Zeitigungsdauer von 130 bis 150 Stunden, also von 5,4 bis 6,25 Tagen. Er schreibt jedoch, einzelne Larven blieben bis zum 8. Tag in der Eihülle. Hier gibt es also nur geringe Abweichungen von meiner Beobachtung. Sie könnten damit erklärt werden, dass Horsthemke die Eier ohne das Vatertier aufzog oder (noch wahrscheinlicher!), dass er sie in Salzwasser (1 bis 10 Promille) hielt. An unterschiedlichen Temperaturen kann es nicht liegen, da wir sie beide bei etwa 27° C hielten.

Es war mir also wichtig, die natürliche Brutpflege der Art zu beobachten und zu dokumentieren. Die Jungen verließen am späten Abend und in der Nacht - offenbar alle innerhalb weniger Stunden - die Eihüllen. Das ist zweifellos eine günstige Überlebensstrategie. Ich vermute, dass es nicht dem natürlichen Verhalten entspricht, wenn die Brut bei künstlicher Aufzucht schon bis zu 3 Tage früher schlüpft und dass ihr Schlupftermin über einen so langen Zeitraum verteilt ist (vgl. Horsthemke, 1992).

Die durchsichtigen Larven schweben im Wasser und verteilen sich in bewegtem Wasser in allen Bereichen. Sie zeigen keinen Schwarmzusammenhalt und werden dann logischerweise nicht mehr vom Vater behütet. Ich hatte den Eindruck, dass sie sofort auf Nahrungssuche gingen. Dass ich die Kleinen unter diesen Umständen (Filter, Beifische) nicht aufziehen konnte, sei nur nebenbei erwähnt. 

Die Warnfärbung der Hummeln

Zu diesem Thema habe ich noch nichts Genaueres in der Literatur gefunden, vielleicht habe ich es auch übersehen. Allerdings wurde manch Unsinniges über ihre Farbgebung geschrieben. So wird vermutet, es handele sich um eine Tarnfärbung (!) oder um die Nachahmung von wehrhaften Insekten (Wespen, Bienen) um so Feinde abzuschrecken (Batesche Mimikry). Es scheint mir schwer nachvollziehbar, wie ein Fisch, der bevorzugt auf dem Grund von Gewässern lebt, mit Erfolg Luftinsekten nachahmen kann!

Nein, ich bin überzeugt, dass hier nicht geblufft wird! Goldringelgrundeln sind aposematistisch ***, ihre Warnfarben sind ernst zu nehmen wie die von Marienkäfern (schmecken schlecht) oder von Kugelfischen (sind giftig)! Die auffallende Färbung und die damit verbundene Lebensweise (sich präsentieren, keine großartige Möglichkeit zu fliehen) sind typisch für aposematistische Tiere. Sicher unterstützt auch die Tatsache, dass sie fast immer in kleinen Schulen vorkommen, diese These.

Der Beweis für meine Behauptung bzw. Vermutung wäre leicht zu führen. Man müsste Verfütterungsexperimente der Hummelfische mit größeren Räubern (z. B. Schlangenkopffischen) machen! Aus Gründen, die ich vermutlich nicht näher erläutern muss, verzichte ich darauf.

Es gibt aber auch eine konkrete Beobachtung, die mich vermuten lässt, dass die Goldringelgrundeln zumindest einen übel schmeckenden Schleim absondern können. Sie ist  am Schluss des beigefügten Films dokumentiert.

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Das doriae-Männchen (rechts) verteidigt seine Brut (oben rechts) gegen das transvestitus-Weibchen.
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Im Wesentlich beschränkt sich seine Verteidigung darin, den Zugang zum Gelege zu versperren.

Im Video wird gezeigt, wie am letzten Tag vor dem Schlupf das Gelege mit den schlupfreifen Jungfischen vom Grundel-Männchen gegen ein Buntbarsch-Paar verteidigt wird.**** Es geht dabei hart auf hart – tatsächlich verschwindet zwischendurch schon mal der halbe Kopf der Goldringelgrundel im Maul der angreifenden Cichliden-Mutter (Abb. links oben!). Die Verteidigungstaktik des Grundel-Männchens beschränkt sich im Wesentlichen darauf, mit seiner Breitseite den Zugang zum Gelege zu versperren (Abb. links unten!). Anmerkung: Die Glasscheibe lässt manchmal vergessen, dass der Zugang nur ein schmaler Spalt ist! Es wäre für die Buntbarsche zweifellos ein Leichtes, die Grundel durch kräftige Bisse in die Flanke zu vertreiben. Sie lassen das sein – ich vermute, dass der Biss einer Grundel unangenehme Folgen hat. Ob die Buntbarsche das schon aus Erfahrung wissen? Für mich spricht das jedenfalls alles für Aposematismus!

Zusammenfassung:

Es wird die Vermehrung der Goldringelgrundeln Brachygobius doriae im Weichwasser beschrieben.

Der Vater bewacht und verteidigt die Brut intensiv bis zum Schlupf.

Die Brut schlüpft nach vollen 8 Tagen.

Alle Junggrundeln verließen nachts innerhalb weniger Stunden ihre Eihüllen.

Die Aussage, dass die Brut über mehrere Tage verteilt schlüpft, könnte durch Kunstaufzucht ohne Vater bedingt sein.

Die auffallende Färbung der Goldringelgrundeln wird als Aposematismus gedeutet!


*   Man kann sich leicht verschätzen! Die "runde" Zahlenangabe 250 suggeriert einen Schätzwert. Die Angabe ist aber tatsächlich exakt, zählen Sie nach!

** Ich meine das nicht abwertend, aber ich verzichte hier bewußt auf Quellenangaben. Wer größere Datenmengen zusammenträgt, kann nicht jedes Detail selbst erkunden, man muss zwangsläufig gewisse Daten übernehmen! So geht es mir selbst in diesem Aufsatz mit der Verbreitung der doriae, eigentlich logisch! – Und um zu zeigen, dass auch ich gelegentlich auf falsche Daten hereinfalle: In meinem Buch „Kleine Aquarien“ (2010) schrieb ich zu doriae: „Die Larven schlüpfen nach etwa 4 Tagen.“

***  „Aposematismus, gelegentlich auch Warnfärbung genannt, … die auffällige Färbung von Tieren, mit der potentiellen Fressfeinden nicht nur Präsenz, sondern auch Ungenießbarkeit und/oder Wehrhaftigkeit signalisiert wird. Aposematismus ist damit das Gegenteil der Tarnung. Aposematistisch gefärbte Tiere sind entweder wehrhaft, weil sie Giftstacheln besitzen oder über andere aktive Abwehrmechanismen verfügen oder sie schmecken unangenehm, sind ungenießbar oder gar giftig. Meist ist eine einzige Begegnung ausreichend, damit potentielle Fressfeinde eine lebenslange Aversion gegenüber aposematistisch gefärbten Tieren entwickeln.“ (aus Wikipedia 2011: Aposematismus)

**** Es scheint zunächst nahe liegend, dass die Buntbarsche (Zebrazwergbuntbarsche Nanochromis transvestitus) das Gelege der Grundel fressen wollten. Eine andere Möglichkeit ist jedoch wahrscheinlicher. Das Buntbarschweibchen, ebenfalls Höhlenbrüter, hatte wenige Tage zuvor sein Gelege durch Verpilzung verloren. Vermutlich sollte die Brut ganz einfach gekidnappt werden. Dafür spräche, dass kein einziges Ei verloren ging. Wer sich mit Cichliden auskennt und sich den Film unten anschaut, wird sich dieser Meinung sicher anschließen. - Inzwischen ist auch ein Bericht mit Film zu Nanochromis transvestitus fertig gestellt, der speziell dieses Verhalten gegen Ende des Videos ausführlich zeigt >>>.

 


Literaturhinweise:

Bradbury, J. W. und S. L. Vehrenkamp (2011): Principles of Animal Communication. Sunderland.

Froese, R. und D. Pauly; Herausgeber, (2011): FishBase. www.fishbase.org, (Version 10/2011)

Horsthemke, H. (1992): Grundeln aus der Gattung Brachygobius - Aquarienaufzucht und Entwicklung. DATZ, Jg. 45(2): 88–96.

Pinter, H. (1980): Züchten von Aquarienfischen im “Kosmos Handbuch der Aquarienkunde”, Stuttgart, S. 504

Roloff, E. (1935): Die Pflege und Zucht von Gobius xanthozona. Wochenschrift für Aquarien-und Terrarienkunde 32: 545 - 547

Taxacher, M. (2011): www.aquatax.de (Grundeln und mehr, Version 11/2011)

 

Herzlichen Dank an die Herren Michael Taxacher und Jens Kühne für freundliche Hilfen und wichtige Hinweise!


Und hier das im Text angekündigte Video: