Fischreisen - Dr. Fisch
 
 SUCHE:
 

Besucherzähler


»» Bujurquina / Brutblatt

 

Freiwasserbeobachtungen zum Verhalten von Süßwasserfischen sind immer noch etwas Besonderes. Hier werden Unterwasseraufnahmen aus dem oberen Amazonas vorgestellt, die ein ganz außergewöhnliches Verhalten eines Cichliden dokumentieren:

Freiwasserbeobachtungen am Amazonas - ein Buntbarsch mit Brutblatt

Zum Fortpflanzungsverhalten von Bujurquina syspilus

Der Rio Chicosa ist ein kleiner Nebenfluß des Rio Ucayali

uca5.jpg

©  Dr. Jörg Vierke

Taucher haben von Korallenfischen schon manch interessante Verhaltensweisen dokumentiert. Gerade von den doch im Aquarium viel häufiger gehaltenen Süßwasserfischen sind Freiwasserbeobachtungen noch selten. Bei einem Aufenthalt am Rio Chicosa hatte ich Gelegenheit, einen Aquarienfisch auch in seiner heimatlichen Umgebung etwas genauer beobachten zu können. Der Rio Chicosa ist ein Zufluß des Rio Ucayali (Foto rechts!), dieser wiederum ist einer der großen Amazonasquellflüsse im peruanischen Teil des südamerikanischen Regenwaldes.

In dieser Stillwasser-Lagune beobachtete ich die Bujurquina

In dieser Lagune beobachtete ich den Cichliden mit dem Brutblatt
 Bujurquina syspilus mit seinem mit Laich besetzten Brutblatt

Auf meinen Tauchgängen am oberen Amazonas beobachtete ich immer wieder diese Großcichliden vom Aequidens-Typ. Sie zeichnen sich durch einen auffallenden dunklen Streifen aus, der vom Auge schräg nach oben zum Ende der Rückenflosse zieht. Dieser Streifen ist auch kennzeichnend für die Arten, die heute als Bujurquina bezeichnet werden. Sie sind als typische larvophile Maulbrüter bekannt. "Larvophil" bedeutet wörtlich genommen "larvenliebend". - Wenn man das Wort "Maulbrüter" streng in seinem wörtlichen Sinn nimmt, ist die Konstruktion ,,larvophiler Maulbrüter" unsinnig, denn die Eier werden nicht im Maul ausgebrütet. Sie werden bei diesen Arten auf einem Substrat abgelegt, dort entwickeln sie sich, und erst wenn die Larven nach einigen Tagen die Eihüllen verlassen, werden sie von den Eltern ins Maul genommen. Der Begriff ,,Maulbrutpfleger" gibt den Sachverhalt besser wieder.

Bei meinen Unterwasserbeobachtungen bin ich den Fischen, die ich damals als Bujurquina vittata ansprach, häufig begegnet. Kullander hatte sie auf meine Nachfrage als syspilus angesprochen – ich werde mich daran halten.Man trifft sie vor allem in den strömungsärmeren Teilen des Flusses an, besonders dort, wo Baumstämme in einer Bucht gleichzeitig für Deckung sorgen. Oft beobachtete ich sie auch an lagunenartigen Seitenästen des Flusses, wo das Wasser nur noch sehr langsam floß und wo zum Teil Geröll und größere Steine Deckung gaben. Gewöhnlich traf ich die Tiere paarweise an. Zwar sind die Geschlechter nur schwer zu unterscheiden, aber zumeist war doch eines der Tiere deutlich größer, schien einen etwas runderen Kopf und länger ausgezogene Bauchflossen zu haben. Gelegentlich zog sich ein Paar vor meiner Annäherung zurück und gelangte dann unvermutet in das Revier eines anderen Paares. Die Revierbesitzer schossen dann gemeinsam aus ihrem Versteck unter Wurzeln oder Pflanzenstengeln hervor und vertrieben die unfreiwilligen Eindringlinge. Ich habe immer auf Eier oder Brut geachtet, zunächst aber nichts davon gesehen. Vielleicht hatten aber einige der Alttiere Brut im Maul?

Ich war mit Tauchermaske, Schnorchel und Unterwasserkamera in eine flache Lagune gestiegen. Das Wasser reichte mir an der tiefsten Stelle knapp bis zum Bauch – Flossen wären hier eher hinderlich gewesen. Im Flachwasser, mich mit den Armen langsam an Steinen voranziehend, näherte ich mich einem dieser Buntbarsche. Es war ein großes Tier von etwa 12 cm Länge. Diese Angabe ist aber mit Vorsicht zu nehmen, denn man verschätzt sich besonders unter Wasser sehr leicht. Der Fisch stand ruhig in einem Geröllfeld von etwa faustgroßen Steinen in einer Stillwasserzone am Rand der Lagune. Ich näherte mich ihm schnell, und er schwamm davon. Aber er entfernte sich nur etwa einen Meter, dann verharrte er. Einer Eingebung folgend griff ich vorsichtig nach einem schwarz gefärbten, abgestorbenen Laubblatt, das dort neben der Stelle lag, an der das Tier eben noch gestanden hatte. Ich drehte es um - und hatte ein Gelege vor mir! Ein typisches Buntbarsch-Gelege - die Fotos zeigen es deutlich.

Ich legte das Blatt wieder an seinen Ort zwischen dem Geröll, zog mich etwas zurück und wartete. Tatsächlich, der Buntbarsch kam zurück. Offenbar war es wirklich sein Gelege.,,Welch ein dummer Fisch!" dachte ich, ,,muß er sich doch tatsächlich eines der ganz wenigen Blätter hier zum Ablaichen aussuchen, wo hier so viele Steine und Steinhöhlen sind. Ein loses Blatt kann von der Strömung weggetrieben werden, ein Stein dagegen ist sicher!"

Schnell bewies mir der Buntbarsch die Kurzsichtigkeit meiner Gedanken. Schon hatten sich mehrere große Rautenflecksalmler (Astyanax) dem Gelege bedenklich genähert, da geschah das Überraschende. Mit einem schnellen Biß packte der Barsch das Blatt am Blattrand und zerrte, jetzt rückwärts schwimmend, Blatt und Gelege etwa einen Meter weiter in den Schutz eines grö0eren Steines. Hier wurde das Blatt wieder abgelegt. Diesmal lag es zufällig mit den Eiern nach oben, und der Vater (ich hielt ihn stillschweigend für das Männchen, es mag ebensogut aber auch die Mutter gewesen sein) blieb treu neben dem Laich Wache haltend stehen.

Jetzt war der Jagdinstinkt in mir erwacht. Mit langsamen Bewegungen, die Kamera im Anschlag, näherte ich mich dem Fisch. Das Wasser war hier schon so flach, daß ich auf den Steinen liegend fast mit dem Rücken aus dem Wasser ragte. So hatte ich hier beim "Tauchen" wenigstens keine Probleme mit der Luftversorgung! Wieder packte der Fisch sein Blatt und zog sich mit der wertvollen Brut zurück. Noch ein Foto!

So entstanden schließlich über 30 Aufnahmen, von denen einige hier wiedergegeben sind. Ich glaube, es handelt sich hier um die erste ausführliche Verhaltensserie von einem Süßwasserfisch im Freiwasser. Man hätte eigentlich erwarten sollen, daß sich beide Eltern in der Nähe des Laiches aufhalten. Natürlich hatte ich auch nach dem zweiten Partner Ausschau gehalten. Ich habe ihn aber nicht entdecken können. Ich brauche kaum zu erklären, weshalb solche Beobachtungen im Aquarium nicht gemacht werden können. Welcher Aquarianer hat schon halbvermoderte Laubblätter in seinem Zuchtbecken? Der biologische Sinn dieses Verhaltens ist sicher auch einleuchtend. Wir haben hier einen Substratlaicher vor uns, der seinen Laich mit sich nehmen kann, ohne ihn ins Maul zu nehmen! Ein großer Vorteil, vor allem, wenn - was häufig vorkommt - der Wasserspiegel in wenigen Stunden um mehrere Dezimeter sinkt oder wenn mögliche Laichfeinde zu gefährlich werden. Wer die Fotos genau betrachtet, kann erkennen, daß das Gelege das Blatt in der Mitte lückenlos ausfüllt. Die Ränder des Blattes dagegen sind absolut laichfrei. Der Cichlide kann das Blatt überall am Rand anpacken, um es zu transportieren.

Später beobachtete ich an einer anderen Stelle ein syspilus-Paar mit seinen etwa 40 - 50 Jungen. Es war wieder im Flachwasser. Diesmal beobachtete ich die Tiere aber vom Trockenen aus. Die Jungen waren noch recht klein, sie konnten eigentlich erst seit wenigen Tagen frei schwimmen. Auf mein Nahen hin suchten die Eltern schnell das Weite, die Jungen spritzten auseinander und sanken still zu Boden. Dann kamen die Eltern, lockten mit zuckenden Bewegungen und sammelten die Jungen. Sie kamen von allen Seiten, wurden aber nicht ins Maul genommen, wie es bei Haplochromis oder Geophagus steindachneri sicher in dieser Situation der Fall gewesen wäre.

Halbwüchsige Bujurquina syspilus sieht man meist in kleinen Trupps von 5 - 20 Tieren im seichten Wasser der Nebenarme. Man trifft sie ziemlich häufig an, auch in kleinen, vom Strom abgeschlossenen Resttümpeln. Sie sind aber schnell und wachsam und nur mit dem Stellnetz einigermaßen gut zu fangen.

Bujurquina im Aquarium mit BrutblattFreiwasserbeobachtungen wie die eben geschilderten sind natürlich nicht nur von theoretischem Interesse. Erst wenn man das normale Verhalten einer Tierart richtig kennt, kann man sie auch artgerecht pflegen und halten. Wer käme bei Buntbarschen aus diesem Verwandtschaftskreis schon auf den Gedanken, ihnen ein trockenes Laubblatt ins Aquarium als "Brutblatt" für die Zucht zu geben? Meine Beobachtungen am Amazonas hatten mich dazu angeregt. Wie nicht anders zu erwarten war: Die Fische zogen diese Blätter jedem anderen Laichsubstrat vor (Abb. rechts).

 

 

Nachträgliche Anmerkung: Dieser Bericht erschien ursprünglich 1983 im Aquarien-Magazin unter dem Titel: Buntbarsch mit wanderndem Brutrevier – Freiwasserbeobachtungen an Aequidens syspilus (S. 204 – 207). Heute wissen versierte Experten, dass die Bujurquina-Arten bevorzugt auf Blättern oder losen Hölzchen ablaichen, damals war das weitgehend unbekannt. Meines Wissens sind die oben vorgestellten Unterwasser-Fotos immer noch die einzigen entsprechenden Freiwasserdokumente zu diesem Thema.

 

Unten ein Fotofilm von knapp 2 min Dauer, der die geschilderten Beobachtungen noch mal veranschaulicht.

©  Dr. Jörg Vierke


zurück zur Übersicht-Startseite 

Empfehlung: Feuermaulbuntbarsche