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Der Maulbrüter Betta edithae aus Südborneo

 

 

von Dr. Jörg Vierke

 

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Ein Betta edithae-Männchen
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Zum Vergleich: Ein Paar Betta taeniata. In der Prachtfärbung nicht zu verwechseln!
Herkunft des Namens

Im Sommer 1978 schickten mir Frau Edith Korthaus und Herr Dr. Walter Foersch ein Päckchen mit konservierten Fischen zu. Sie hatten sie zusammen mit einigen lebenden Fischen von einer Borneo-Expedition mitgebracht, die sie im Frühjahr jenes Jahres zusammen mit Alfred Hanrieder unternommen hatten. Ich sollte die Tiere bestimmen und gegebenenfalls wissenschaftlich beschreiben.

Es war damals eine ausgesprochen schwierige Aufgabe, Kampffische zu bestimmen. In den Jahren zuvor waren viele Betta-Arten beschrieben worden. Oft auf gut Glück. Fotos existierten von den Tieren im Normalfall nicht, Internet gab es auch noch nicht.

Da ich zu den vorsichtigen Leuten gehöre, beschrieb ich nur Fische; bei denen ich mir ganz sicher war. Daher ließ ich Arten, die heutzutage eindeutig zu identifizieren sind, unbearbeitet, vor allem dann, wenn mir nur Spiritus-Material vorlag. Lediglich nach Flossenstrahlen und Schuppenwerten kann man Kampffische nicht sicher bestimmen, die Farbmuster lebender Tiere sind oft entscheidend.

Unter den Borneo-Fischen befand sich eine eindeutig neue Art, die ich zu Ehren von Walter Foersch 1979 als Betta foerschi wissenschaftlich beschrieben hatte. Andere Tiere bezeichnete ich zunächst vorsichtig als "Betta spec. affin. taeniata", also als eine nicht näher definierte, der Betta taeniata sehr nahestehende Form. Für eine fundierte Beschreibung reichte mein Material damals nicht aus.

Walter Foersch hatte von diesen Fischen 6 lebend nachhause gebracht. Es gelang ihm, diese Tiere nachzuzüchten. Anfang 1980 erhielt ich von ihm einige seiner Nachzuchttiere. Die Lebendbeobachtungen machten mir klar, dass es sich um eine neue Art handeln musste. Ich bezeichnete sie der unvergessenen Edith Korthaus zu Ehren als Betta edithae! Erst 1987 gelang es mir zusammen mit Jürgen Rösler auf Borneo die echten Betta taeniata aufzufinden. Im Vergleich mit den Typen der Originalbeschreibung konnte ich eindeutig ihre Identität belegen. Fast 80 Jahre lang geisterten sie nur als Namen durch Wissenschaft und Aquaristik. Die taeniata-Originalbeschreibung von Regan stammt von 1910. Soweit die Namensfrage.

 

Vom Sumpfurwald ins Aquarium

Die Fische wurden in Südborneo etwa 250 bis 300 Kilometer nordwestlich von Banjarmasin gefangen. Damals - es war das Frühjahr 1978 - waren die Flüsse über ihre Ufer getreten und hatten das mit Sumpfurwald bedeckte Land weithin unter Wasser gesetzt. Unter diesen Umständen ist es natürlich nicht leicht, Fische zu erbeuten. Gewiß interessieren die Wasserwerte: Das hellbraune Wasser maß um 13 Uhr 28° C und hatte einen Leitwert von nur 20 Mikro-Siemens.

Ich erhielt Anfang 1980 von Walter Foersch einige seiner Nachzuchttiere. Sie kamen in separate Aquarien. Die Wasserwerte pendelten sich auf 28° C und 180 Mikro-Siemens ein. Die Fische erwiesen sich als recht scheu und suchten sofort hinter Aquarienpflanzen, Steinen und dem Heizer Zuflucht. Sie hielten es bis heute mit einer erstaunlichen Ausdauer in ihren Verstecken aus. Wenn ich Freunden meine maulbrütenden Kampffische zeigen wollte, hatte ich Mühe, sie ihnen vorzuführen. Inzwischen hat es sich gezeigt, daß die Tiere bei Vergesellschaftung mit anderen Fischen weniger scheu sind.

Bei zwei Gelegenheiten werden die Fische jedoch richtig munter: Bei der Fütterung und bei der Paarung. Sobald Lebendfutter in das Aquarium kommt, sind die Bettas nicht mehr zu halten. Blitzschnell tauchen sie auf, packen sich einen Bissen am Futterplatz und verziehen sich in eine hintere oder seitliche Ecke, um ihn ungestört zu verzehren. Dann kommen sie hervor und warten auf den nächsten Brocken. Die Schilderung zeigt schon, daß man die Tiere wohl kaum mit Cyclops beglücken kann. Mückenlarven und Tubifex werden dagegen gern gefressen. Sehr gern nehmen sie auch ganz kleine oder mittelgroße, zerteilte Regenwürmer. Den glücklichen Gartenbesitzern wird also auch im Winter nie das Lebendfutter für Ediths Kampffische ausgehen. Im Komposthaufen kann man nämlich auch bei Frost noch ohne große Mühe an die kleinen, roten Mistbeet-Regenwürmer gelangen. Sie werden sehr gerne genommen, übrigens auch von anderen Aquarienfischen.

Die Geschlechter sind bei Betta edithae nur schwer zu unterscheiden. Nach der Fütterung allerdings ist das einfacher. Die Weibchen sind - obwohl üblicherweise kleiner als die Männchen - eindeutig die gefräßigeren. Sie fressen sich ein richtiges Bäuchlein an. Nach der Fütterung können sie regelrecht rund sein - die Nahrung kommt in wenigen Tagen der Laichproduktion zugute.

 

Bildfolge von oben links nach unten rechts: 1. Das laichwillige Betta edithae-Weibchen umschwimmt wieder und wieder den Kopf des Männchens. Schließlich presst es sich regelrecht an seine Kiemendeckel. 2. Darauf umschlingt er seine Partnerin. Die Eiablage kann erfolgen. 3. Die Paarungsschlinge löst sich wieder. 4. Das Weibchen sammelt die in der Körperbeuge liegenden Eier auf. 5. Nun stellt sich das Paar Kopf an Kopf ... 6. und das edithae Weibchen spuckt ihrem Partner die Eier zu.

Ein Farbwunder ist er nicht!

Im Vergleich zu der bei schaumnestbauenden Kampffischen gewohnten Farben- und Flossenpracht muß man unsere B. edithae wohl als schlicht bezeichnen. Ihre Flossen sind durchweg kurz und kleinflächig; ihre Färbung kann ungemein variieren. In kürzester Zeit können die Tiere ihre Zeichnungen wechseln. In Ruhe ist der Fisch eindeutig bräunlich gefärbt, oberseits wesentlich dunkler als unten. Bei der geringsten Unsicherheit bildet er an Kopf und Rücken sowie an der Seite dunkle Flecken aus. Die seitlichen Flecken vereinigen sich mit steigernder Fluchtneigung zu drei annähernd parallel verlaufenden, schwarzbraunen Längsstreifen, von denen der mittlere an der Schnauzenspitze beginnt, das Auge durchzieht und wie die beiden anderen Streifen im Schwanzwurzelursprung endet. Wenn die Tiere in regelrechte Panikstimmung geraten, verliert sich auch diese Färbung und wird durch drei oder vier dunkle Querbinden ersetzt; ein Muster, das den Fisch noch mehr optisch mit der Umgebung verschmelzen läßt.

Aggressiv gestimmte Tiere sehen am schönsten aus. Sie sind einheitlich braun gefärbt, wobei jede Körperschuppe goldgrün glänzt. Die gelblich gefärbte Afterflosse färbt sich in ihren äußeren Partien schwarz und in ihren körpernahen Zonen dunkelbraun. Im Bereich dazwischen befindet sich eine Reihe grün leuchtender Flecken, die sich auffallend abheben. Zwischen all diesen Färbungen gibt es Übergänge. Da die Farbmuster jedoch in beiden Geschlechtern in völlig gleicher Weise auftreten, kann uns die Färbung keinen Hinweis auf die Geschlechtszugehörigkeit geben - mit einer Ausnahme! Bei der Paarung bekennen die Tiere Farbe: Dann zeigt das Männchen sein Prachtkleid; das Weibchen die Zeichnung eines ängstlichen Fisches.

 

Ein Revierfisch für kurze Zeit

Wenn man die Fische nicht ständig im Auge hat, bemerkt man zumeist erst am tief ausgewölbten Mundboden der Männchen, daß ein Ablaichen stattgefunden hat. Meine Betta edithae laichten immer direkt am Boden. Dabei verteidigten sie für die Dauer des Laichvorgangs - das kann sich über mehrere Stunden hinziehen - ein Revier. Allerdings ist es fast ausschließlich das Weibchen, das die Artgenossen aus dem Laichrevier fernhält. Wenn sich ein anderer Betta zu weit heranwagt, stößt es wie ein Blitz ohne jede Vorwarnung auf den Eindringling und vertreibt ihn im Handumdrehen. Dieses Verhalten ist auf den ersten Blick sehr seltsam, denn schließlich trägt das Weibchen in dieser Phase das Kleid eines ängstlichen Tieres, nicht das eines aggressiven. Das Rätsel löst sich jedoch, wenn man über den biologischen Sinn der Farbkleider nachdenkt. Das Prachtkleid eines hoch aggressiven Kampffisches dient der Abschreckung und soll - wenn möglich - unnötige Kämpfe verhindern. Wenn das Vorzeigen des Prachtkleides nicht genügt und der Gegner entsprechend antwortet, geht das Drohen über verschiedene Stadien bis zum Endkampf. In diesem speziellen Fall ist aber weder Zeit noch Gelegenheit zum lang angelegten Drohen. Hier stehen die ablaichenden Fische unter Zeitdruck. Das ein Prachtkleid tragende Männchen ist zum Angriff überhaupt nicht in der Lage: Es hat - zumindest gegen Ende des Ablaichens - ein so prall mit Eiern gefülltes Maul, daß es nicht zubeißen könnte. Es hilft hier also nur der blitzschnelle Überraschungsangriff des Weibchens, das übrigens in den meisten Fällen ebenfalls nicht voll kampffähig ist, da es vielfach auch noch Laichkörner im Maul trägt. Mit diesem mit Elan vorgetragenen Angriff nehmen es auch eindeutig stärkere Gegner nicht auf, da sie keinen Grund sehen, sich unbedingt diesen Attacken zu stellen. Der Verhaltensforscher würde sagen, das Weibchen dominiert aufgrund seiner höheren Motivation.

 

Das Weibchen ist der aktivere Partner

Zum eigentlichen Ablaichen: Während das Männchen den größten Teil der Zeit am Boden wie ruhend verharrt, ist das Weibchen ständig in Bewegung . Es durchsucht das Revier nach eventuellen Gegnern und kümmert sich vor allem um sein Männchen: Wieder und wieder umschwimmt es den Umworbenen. Es unterschwimmt den mit dem Kopf meist etwas angehobenen verharrenden Partner und drängt sich dann seitlich an ihn heran. Das Weibchen drückt sich mit seiner Flanke regelrecht an den Kiemendeckel des Männchens (Bild 3) . Das Männchen läßt sich nur ein bißchen auf die Seite drängen, behält jedoch im Schwanzbereich seine Lage exakt ein. Sein Vorderkörper biegt sich jetzt - vermutlich durch den Berührungsreiz veranlaßt - um die Partnerin herum (Bild 4). Zur perfekten Umschlingung kommt es aber immer erst, wenn vorher einige unvollendete Umschlingungsansätze stattgefunden haben. Bei einer richtigen Paarung umschlingt das Männchen sein Weibchen einige Sekunden. Während dieser Zeit gibt das gestreckt und nur seitlich etwas aus der üblichen Schwimmhaltung herausgedrehte Weibchen seine 5 bis etwa 20 reinweißen Eier ab. Dann lockert das Männchen seine Umschlingung etwas (Bild 5) und öffnet sich teilweise, so daß die Eier wie in einer Schüssel frei auf seiner Flanke liegen. In dieser Stellung verharrt das Tier so lange bewegungslos, bis das Weibchen alle Eier fein säuberlich von seinem Körper abgesammelt hat. Erst dann nimmt es wieder die normale Körperhaltung ein.

 

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Betta edithae Paar bei der Laichübergabe
Laichübernahme und väterliche Brutpflege

Nun muß aber noch die Eiübergabe erfolgen, denn bekanntlich sind Kampffische Maulbrüter im männlichen Geschlecht. Das Weibchen stellt sich schräg und oft auch etwas über seinem Männchen auf und spuckt die Eier ihm vor sein Maul. Die zu Boden sinkenden Eier werden sofort vom Männchen aufgenommen; damit ist die Übergabe beendet. Gegen Ende der Laichphase wird das Weibchen allerdings nicht mehr so leicht seine Eier los. Vielfach ist das Männchen dann nämlich nicht mehr willens oder in der Lage, noch weiteren Laich in seiner Mundhöhle zu verstauen. Dann spuckt ihm sein Weibchen wieder und wieder Laichkörner vor, um sie sich gleich wieder selbst zu schnappen. Wenn das Männchen nicht schnell genug aufnimmt, schnappt ihm sein Weibchen die Eier blitzschnell direkt vor dem Maul wieder weg. Dieses "Spiel" kann bis zu einer halben Stunde dauern. Dann sind die Eier entweder doch noch im Vatermaul untergebracht, oder das Weibchen hat sie während der Prozedur verschluckt. Hat die Mutter wieder ein leeres oder annähernd leeres Maul, kommt es zur nächsten Paarung. Das geht so lange, bis der Eivorrat des Weibchens erschöpft ist. Dann hat das Männchen Ruhe und kann sich mit seinem Laich in einen geschützten Winkel an der Wasseroberfläche zurückziehen.

Die eigentlichen Zuchterfolge sind "vom guten Willen" des Männchens abhängig. Bei der geringsten Störung wird der Laich gefressen oder ausgespuckt. Einmal ausgespiene Eier oder Larven werden auf keinen Fall wieder aufgenommen. Vorzeitig ausgespuckte Brut kann man versuchen künstlich aufzuziehen. Die Jungen werden im Normalfall nach 9 bis 12 Tagen aus dem väterlichen Maul entlassen. Sie sind dann bereits fünf bis sechs Millimeter lang und nun unschwer mit Artemia-Nauplien oder kleinsten Cyclops großzuziehen. Von Anfang an aber führen sie das heimliche Leben ihrer Eltern.

 

Literaturhinweise:

Foersch, W. (1979): Ein maulbrütender Kampffisch (spec. affin.) aus Borneo. Das Aquarium, 206 -209

Vierke, J. (1981): Ein Paradepferd für Verhaltensforscher: Der Gebänderte Kampffisch. Aquarien-Magazin 15, 38 - 41

Vierke, J. (1984): Betta taeniata REGAN, 1910 und Betta edithae spec. nov., zwei Kampffische von Süd-Borneo. Das Aquarium, 58 - 63


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