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»» Alter von FischenWie alt werden unsere Fische?
© Dr. Jörg Vierke Die im Titel gestellte Frage ist weit schwieriger zu beantworten, als man zunächst denken sollte. Die Problematik fängt schon mit den Begriffen an. Was soll ermittelt werden, das Höchst- oder das Durchschnittsalter; unter Freiland- oder unter Aquarienbedingungen, unter den Bedingungen des Durchschnittsaquarianers oder denen des gut informierten und aufmerksamen "Spitzenaquarianers"? In meinen Augen wirklich am interessantesten wäre ein Vergleich des Durchschnittsalters, besser der mittleren Lebenserwartung, von Freilandfischen mit Aquarienfischen. Praktisch würde man hier aber nie zu auch nur einigermaßen brauchbaren Ergebnissen kommen, da man von sehr vielen unüberprüfbaren Voraussetzungen auszugehen hätte. Hier müsste überdies mit großen, mit sehr großen Zahlen gearbeitet werden, da man nur dann zu statistisch einigermaßen gesicherten Aussagen kommen kann. Nein, wir sollten uns auf die Frage beschränken, wie alt ein Fisch unter besonders günstigen Bedingungen werden kann. Hier reicht bereits eine einzige glaubwürdige Aussage zur Information aus. Seien wir uns aber alle darüber klar, welche begrenzte Aussagekraft solche Daten haben! Am besten zeige ich das am Beispiel des Menschen; da wird es am deutlichsten. Der nachgewiesenermaßen älteste Mensch ist vielleicht 115 Jahre alt geworden. Das schließt aber nicht aus, dass die in der Presse gelegentlich kursierenden, aber nicht bewiesenen Meldungen von 120- bis 140jährigen vielleicht doch wahr sind. Hier wird uns auch klar, dass diese Altersrekorde nicht Grundlage realistischer Erwartungen sein können. Die mittlere Lebenserwartung eines neugeborenen Menschen in unserem Kulturkreis liegt für Männer bei 68, für Frauen bei 73 Jahren. Sie ist also auch vom Geschlecht abhängig. In Entwicklungsländern liegt die mittlere Lebenserwartung Neugeborener weit niedriger - das liegt besonders an der höheren Säuglingssterblichkeit. Dort ist wiederum die Erwartung der Männer größer als die der Frauen.
Diese Abschweifung in die menschliche Bevölkerungsstatistik war sicher ganz lehrreich; zeigt sie uns doch, wie differenziert man Altersangaben zu bewerten hat. Die Altersbestimmung von Fischen im Freiland ist dort einfach, wo periodisch wechselnde Klimabedingungen vorliegen, also in den gemäßigten Zonen und in den wechselfeuchten Tropen. Fische dieser Zonen wachsen je nach den sich ändernden Lebensbedingungen unterschiedlich schnell. An den Schuppen, an den Steinen im Gleichgewichtsorgan (Otolithen), manchmal auch an den Stacheln und den Knochen der Kiemendeckel stellen sich die schnellen Wachstumsphasen als Zuwachszonen dar. Sie ähneln dabei den Jahresringen des Holzes, aber oft entspricht ein Zuwachsstreifen bei Fischen nicht einem Jahreszyklus, hier sind von Fall zu Fall spezielle Verhältnisse zu berücksichtigen. Gerade die uns interessierenden Fische stammen aber in der Regel aus den Gebieten ohne deutliche oder zumindest regelmäßige Jahresperiodik, daher ist kaum etwas über die Lebenserwartung von Tropenfischen im Freiwasser bekannt. Immerhin will ich ein paar Zeilen angeben, die von einheimischen Nutzfischen bekannt sind. Die Daten in der grünen Tabelle stammen von Reichenbach-Klinke (Grundzüge der Fischkunde, 1970):
Diese Angaben können aber nur ungefähre Anhaltspunkte liefern. Tatsächlich werden die allerwenigsten Individuen dieser Art so alt, da in der Tabelle Fang durch den Menschen, Fressfeinde und Krankheiten nicht berücksichtigt wurden. Auch stellen die Angaben nicht das höchstmögliche Alter dar. Sterba (1972) berichtet, dass Aale in zoologischen Gärten fast 100 Jahre gepflegt wurden, ohne dass sie ihre Maximalgröße und ihre Geschlechtsreife erreicht hätten. Nach seinen Angaben werden frei lebende Aale kaum älter als 30 Jahre. Im BLV-Bestimmungsbuch "Süßwasserfische" liest man dagegen: "Hindert man Aale daran, ins Meer abzuwandern, so können sie 25-50 Jahre alt werden".
Dieses Beispiel zeigt, wie schwer es ist, verlässliche Altersangaben zu sammeln. Für den Aal haben wir jetzt vier verschiedene Angaben, die sich auf verschiedene Autoren beziehen und von verschiedenen Voraussetzungen ausgehen: 100, 50, 30 und 12 Jahre. Der Aal ist aber wegen seiner Laichwanderungen auch ein besonders komplizierter Sonderfall. Aus der grünen Tabelle kann man aber sicher zwei Dinge ablesen. Das eine ist fast eine Selbstverständlichkeit: Die Lebenserwartung ist von Art zu Art verschieden, sie ist artspezifisch. Und dann scheint es offenbar so zu sein, dass das erreichte Lebensalter mit der erreichbaren Körpergröße konform geht. Der 10-30 cm lang werdende Stint erreicht nur etwa fünf Lebensjahre (nach Muus/ Dahlström im BLV-Bestimmungsbuch allerdings bis ca. 10 Jahre!!), der bis zu 3 m lang werdende Wels erreicht 100 Jahre. Das ist eine Faustregel mit vielen Ausnahmen; aber wir werden sehen, dass sie auch für Aquarienfische zutrifft: Je kleiner die Art bleibt, desto kurzlebiger ist sie in der Regel auch. Wollen wir diese Beziehung noch einmal an zwei gut untersuchten bzw. dokumentierten Fischen überprüfen: an einem kleinen einheimischen Fisch, dem Dreistachligen Stichling, und am größten Labyrinthfisch, dem Speise- oder Riesengurami. Die Altersverhältnisse des Stichlings wurden von Hans-Joachim Paepke sehr eingehend untersucht (Studien zur Ökologie, Variabilität und Populationsstruktur des Dreistachligen und Neunstacheligen Stichlings III. Bezirksheimatmuseum Potsdam 1971). Er stellte fest, dass die überwiegende Anzahl der Stichlinge nicht älter als zwei Jahre wird. Nur sehr wenige Männchen und einige Weibchen sind dreijährig, und als große Ausnahme können Weibchen auch mal das vierte Lebensjahr erreichen. Und jetzt zum Gegenstück, dem Riesengurami! Hier gibt es nur eine verlässliche Angabe; sie ist von Gill: Er berichtet von einem als Jungtier nach Martinique gebrachten Gurami, der nach 27 Jahren wiedergefangen wurde und eine Größe von 39 Inch (etwa 1 m) gehabt haben soll. Nun aber zum Alter, das Fische in der Gefangenschaft, also im Aquarium erreichen! Bei guter Haltung können viele Arten hier offenbar wesentlich älter als in der freien Natur werden. Kein Wunder, denn im Aquarium gibt es keine Fressfeinde, es gibt keine futterarmen Zeiten und keine Naturkatastrophen wie weite Überflutungen mit anschließendem Trockenfallen. Am ehesten bekommt man Altersangaben von den Direktoren der großen Schauaquarien. Sie müssen schließlich genau Buch führen über ihre Ein- und Abgänge, zumindest soweit es die großen und teuren Tiere betrifft. Eine diesbezüglich sehr interessante Notiz stand 1980 im AQUARIEN-MAGAZIN: Der älteste Bewohner des Berliner Zoos war gestorben. Es war ein Knochenhecht, der 1927 als zweijähriges Tier in das Berliner Zoo-Aquarium gekommen war. Das Tier war also 55 Jahre alt geworden, für einen Fisch ist das schon ein "biblisches Alter" natürlich nur, wenn man die Märchen, die in dieser Hinsicht im Umlauf sind, nicht ernst nimmt! Wer weiß, ob dieser Knochenhecht in seinem heimatlichen Gewässer so alt geworden wäre? Hier ein schönes Beispiel, das zeigt, dass die Lebensdauer im Aquarium durchaus wesentlich über der Lebenserwartung im Freiwasser liegen kann: Sicher ist den meisten Aquarianern bekannt, dass viele der bodenlaichenden Killifische, die sogenannten annuellen Arten, in ihren natürlichen Lebensräumen nur einige Monate alt werden. Mit dem Eintritt der jährlichen Trockenzeit beginnen die Heimatgewässer dieser Tiere auszutrocknen. Jetzt heißt es, schnell die Eier in den Boden zu bringen, bevor die Gewässer trocken fallen. Dann müssen die Elternfische sterben; nur die Eier überleben im schwach feuchten Bodengrund. Auch im Aquarium können wir aus solchen Saisonfischen keine Methusalems züchten, aber sie können hier fast fünfmal so alt werden wie in ihrer Heimat. Einzelne Männchen von Cynolebias bellottii wurden im Aquarium fast drei Jahre alt! Leider gibt es nur ganz sporadisch mal Angaben über das Alter von Aquarienfischen. Das steht in auffälligem Gegensatz zu den vielen Berichten, die man über sie lesen kann. Woran mag das liegen? Über die Haltung und Zucht einer Art kann man schon meist nach relativ kurzer Zeit berichten. Welcher Autor wartet mit seinem Bericht ab, bis die Tiere gestorben sind? Welcher Aquarianer macht sich überhaupt Aufzeichnungen darüber, wann er einen bestimmten Fisch erworben hat, wann er gezüchtet hat, wann ein Fisch gestorben ist? Es sind die allerwenigsten, und daher wissen wir so wenig über das Alter unserer Aquarienfische. Auch ich muss gestehen, dass ich nicht regelmäßig Buch führe, aber ich will doch mal etwas in meinen Aufzeichnungen blättern:
Punktierte Panzerwelse (Corydoras paleatus) wurden mindestens 4 Jahre; Schwanzfleckbuschfisch (Ctenopoma kingsleyae) wurden 9 Jahre; Siamesische Saugschmerle (Gyrinocheilus aymonieri) 5 Jahre; Segelflosser (Pterophyllum scalare) 8 Jahre; Schwarzer Flaggensalmler (Hyphessobrycon herbertaxelrodi) mindestens 4 1/2 Jahre; Neonsalmler (Paracheirodon innesi) mindestens 3 1/3 Jahre; Kardinalfisch (Tanichthys albonubes) mindestens 3 1/3 Jahre. Man sieht, es ist nur eine kurze Liste, und ich weiß mit Bestimmtheit, dass beispielsweise Segelflosser noch älter werden können. Ich will die Liste noch um "Wühli" verlängern, die Rüsselschmerle, die in der Redaktion des AQUARIEN-MAGAZINS immerhin 9 Jahre alt geworden ist! So richtig weiß man meist nicht das Alter seiner Fische, weil man sie oft nicht selbst gezüchtet hat. Aber wenigstens bei einer Art habe ich exakt Buch geführt, nämlich beim Zwergfadenfisch (Colisa lalia)! Hier verkürzt die Lebensdaten: Männchen 1: 1 Jahr, 6 Monate (Alterstod). Männchen 2: 1 Jahr, 8 Monate (Alterstod). Männchen 3: 1 Jahr, 2 Monate (Alterstod). Weibchen 1: 1 Jahr, 6 Monate (vermutlich Alterstod). Weibchen 2: 10 Monate (Schuppensträube). Von diesen Tieren hätte ich sogar Geburtstag und Todestag exakt angeben können. Interessant sind diese Angaben auch deshalb, weil ich hier die Hand dafür ins Feuer legen möchte, dass die obengenannten Todesursachen "Alterstod" auch wirklich zutreffen. Man sieht Vergreisungserscheinungen nur wenigen Fischen so deutlich an wie gerade dieser Art. Der Kopf formt sich in der Schnauzenpartie rund, die Nackenregion wirkt eingefallen. - Im "Zierfischverzeichnis" (s. u.) wird für lalia ein Höchstalter von "ca. 4" Jahren angegeben - für mich überraschend! Manche Aquarianer behaupten, man könne das Altern von Fischen dadurch etwas bremsen, indem man sie bei niedrigeren Temperaturen hält. Ich glaube auch, dass ein Fisch in sehr hohen Temperaturbereichen schneller "verschleißt". Dennoch wäre es sicher falsch, die Tiere nur, um ihr Leben zu verlängern, bei niedrigen Temperaturen zu halten. Die Tiere sind phlegmatisch, und man fragt sich, wozu sie überhaupt leben! Sie haben dann tatsächlich oft nichts mehr von ihrem Dasein. Ein Schmetterlingsbuntbarsch, der mit einer Lebensspanne von nur knapp zwei Jahren rechnen kann, gehört wirklich zu den ganz kurzlebigen Buntbarschen. Er braucht aber einfach hohe Temperaturen, damit er sein Verhaltensrepertoire entfalten kann - wir sollten ihm das gönnen. Die Anmerkung, dass niedrige Temperaturen das Leben von Fischen verlängern können, ist übrigens keineswegs abgesichert. Ich zitiere aus dem Herder-Lexikon der Biologie (Band 1, 1983) unter dem Stichwort "Altern"; "Nur in ganz wenigen Ausnahmen konnte tatsächlich die Geschwindigkeit der Alterungsvorgänge verlangsamt werden, etwa bei Unterkühlungsversuchen mit wechselwarmen Tieren (reduzierter Stoffwechsel)". Hier gäbe es in der Tat auch für ernsthafte Aquarianer noch etwas zu erforschen. Doch will ich nicht missverstanden werden! Eine Haltung bei zu niedrigen Temperaturen ist nicht nur Tierquälerei, sondern sicher auch lebensverkürzend, speziell wegen einer erhöhten Anfälligkeit gegen Infektionskrankheiten. Die Frage, die man übrigens auch statistisch einigermaßen absichern sollte, wäre beispielsweise, ob Schmetterlingsbuntbarsche bei 25° C länger leben als bei 29° C.
Ernsthafte Schätzungen zum Höchstalter des Hechtes (beispielsweise im BLV-Bestimmungsbuch Süßwasserfische) belaufen sich auf gut 30 Jahre, auf mehr nicht. Es sei denn, man glaube das Märchen von dem 1497 in einem See in Württemberg gefangenen Hecht, der rund um den "Hals" einen Ring getragen haben soll. Die Inschrift dieses Ringes besagte, dieser Hecht sei im Jahre 1230 von Kaiser Friedrich II. in diesen See gesetzt worden. Dieser 5,70 m große Hecht (!) wäre demnach also mehr als 267 Jahre alt geworden. Sein Knochengerüst soll angeblich im Dom zu Mannheim aufbewahrt werden. So berichtet jedenfalls Normann in seinem Buch "Die Fische". Weiter schreibt er: "Im letzten Jahrhundert untersuchte es ein berühmter deutscher Anatom, der herausfand, dass die Wirbel im Rücken zu zahlreich waren, als dass sie zu einem einzelnen Individuum gehören konnten - mit anderen Worten: Das Skelett war verlängert worden, um es für die Geschichte passend zu machen." Zusammenfassend ist zu sagen, dass zum Alter unserer Aquarienfische nicht allzu viel Sicheres bekannt ist. Die Lebenserwartung der Fische ist artspezifisch. Als Faustregel mag gelten, dass groß werdende Arten auch älter werden. Ich erinnere an den Zwergfadenfisch, der nur etwa 1 1/2 Jahre alt wird, und an den Riesen- oder Speisegurami, von dem ein Höchstalter von 27 Jahren berichtet wird. Solche Vergleiche sind besonders innerhalb einer Gattung oder Familie gut anzustellen. Aber selbstverständlich gibt es hier Ausnahmen. So werden die kleinen Honigfadenfische (Colisa chuna) in der Regel deutlich älter als die - wenn auch nur unwesentlich - größeren Zwergfadenfische (Colisa lalia)! Eine Anmerkung: Der obige Bericht ist fast unverändert übernommmen aus: Vierke, Jörg (1986): Wie alt werden unsere Fische? Aquarien-Magazin 20, S. 47 - 50, Stuttgart Genau ein Jahr später konnte ich im Aquarien-Magazin 21 (1987), S. 46 ein paar Reaktionen zu diesem Artikel abdrucken: "Herr Risse aus Werl berichtete mir von einer Prachtschmerle, die er seit 9 Jahren in seinem Becken pflegt. Als er sie bekam, hatte sie schon ihre jetzige Größe von ca. 10 cm. Besonders ausführliche Informationen schickte mir Herr Rainer Rausch aus Hochdorf. In seinen Becken schwimmen noch folgende 12jährige Fische: Acanthophthalmus kuhlii sumatranus (Geflecktes Dornauge) Corydoras aeneus (Metallpanzerwels-Männchen) Gyrinocheilus aymonieri (Siamesische Saugschmerle). - 11 Jahre erreichte ein Metallpanzerwels-Weibchen (mit 9 cm Gesamtlänge!), und ein Mosaikfadenfisch starb mit 10 Jahren den Alterstod. Auch andere Corydoras-Arten (arcuatus und julii) leben bei ihm schon seit vier bzw. fünf Jahren. Zur Pflege schreibt Herr Rausch: „Alle Tiere werden bei ca. 25° C gehalten, fast nie mit Trockenfutter (dies nur in Form von Tabletten) gefüttert, sondern mit Roten, Weißen und Schwarzen Mückenlarven, tiefgefroren." Eine weitere Meldung im AM 1987, S.324 von Herrn Alfred Koch aus Frankfurt: Er pflegte13 Jahre alte Feuerschwänze und einen entsprechend alten Harnischwels. Seine ältesten Neonfische wurden 8 Jahre alt und seine Sumatrabarben mindestens 7 Jahre.
Günther Engelke, Administrator der Forenseite "Zierfischfreunde", hat sich die Mühe gemacht, möglichst viele Daten zum Lebensalter der Fische zu sammeln. Mit seinem Einverständnis hier die Liste: Lebensalter der Fische, sortiert nach wissenschaftlicher Bezeichnung, deutscher Bezeichnung und möglichem Alter.
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